Seminarbesprechung

Heute eine großartige Diskussion im Soziologie-Seminar geführt. Die Bücher (1, 2, 3, 4) gehören zum Besten, das ich während meiner (gesamten!) Studienzeit gelesen habe.¹
Wir haben die Hausarbeiten, die wir geschrieben haben, besprochen. Da wir die Paper zuvor nicht ausgetauscht hatten blieb die Diskussion anfangs recht oberflächlich (Themen: Bürokratie, Fotografie, Sexualität, Internet). Nicht so wirklich überraschend war die Diskussion über Sexualität am intensivsten.

Zygmunt Bauman vergleicht die Moderne mit einem Gardening State, in dem alle störenden Pflanzen und Triebe entfernt werden, in dem ein großes Streben nach Systematik, Effizienz und Ordnung herrscht, alles immer schön kategorisiert wird. Ist deswegen die sexuelle Orientierung eines Menschen so wichtig geworden? (Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu.) Bzw: ist es deswegen so wichtig, die ‚richtige‘ Orientierung zu haben? Ist die klare Einteilung in richtig und falsch, die viele einige Menschen vornehmen können, ein Resultat des Lebens in der Moderne? Ist der Hass auf Menschen anderer ‚falscher‘ sexueller Orientierung damit – wie der Holocaust, auf den Bauman sich in seinen Analysen bezieht – die andere Seite der Medaille? Ist es die Moderne Gesellschaft, die den ‚Sleeper‘ (Steiner) zum Vorschein bringt? Den ‚Lucifer Effect‚ (Zimbardo)? ²

Es wäre toll, wenn das Seminar noch weiterginge oder eine Fortsetzung hätte, aber leider war’s die letzte Stunde und nächste Woche fängt der nächste Semesterabschnitt an, der für mich „International Politics“ bereit hält. Irgendwie schade, dass nur eine wirkliche Seminarsitzung stattfand. Und wir dementsprechend alle vier Bücher im Hauruckverfahren besprochen haben. Es gäbe zu allen so viel zu sagen, zu hören, zu denken. Wäre auch wirklich spannend gewesen, die Ideen und Hinweise der Dozentin zu hören. Hach. Aber irgendwie war das Seminar vielleicht auch gerade deswegen so besonders.

Nachdem mich das Schreiben der Arbeit zum Reflektieren meiner Einstellung bezüglich meiner Englischkenntnisse gebracht hat, bin gespannt auf das Feedback zur Arbeit und die Note. Ich war in arger Zeitnot und habe – wie so oft – beim Wiederlesen die Erkenntnis, die Hälfte vergessen zu haben, obwohl ich während des Schreibens der Überzeugung war, es geschrieben zu haben.
(Edit: Und außerdem merke ich grade, dass ich den Nachnamen eines Autors falsch geschrieben habe. Aaaah!!)
Wir haben heute darüber gewitzelt, dass meine Struktur in der Ausarbeitung ganz anders ist, als die der drei anderen (alles Nordamerikanerinnen): ich habe schön Abschnitte gemacht und Einleitung und Schluss mit Überschriften, jedes Buch und seinen Bezug separat analysiert. Die Mädels haben alle Essays im Fließtext geschrieben.
Wäre ein cooles Experiment, jeweils die andere Herangehensweise mit dem gleichen Thema zu wählen und zu vergleichen, ob die gleiche Arbeit dabei rauskommt. (I don’t think so.) Auch spannend: In Nordamerika macht man zwei Leerzeichen nach Satzende.

¹ An meiner Begeisterung nicht unbeteiligt ist vermutlich, dass ich selten in so kurzer Zeit so intensiv gelesen habe. (Zuletzt vielleicht während der Vorbereitung aufs A1-Vordiplom. Interessante Parallele: das fand ich ja auch groß.)

² Passend dazu ein literally umwerfender Text bei nach 21.
Sehr, sehr lesenswert und eigentlich viel zu wertvoll, um nur in einer Fußnote abgefrühstückt zu werden. Hinsurfen! Lesen!
(via Ruhepuls)

Advertisements

~ von netmarie - 2009/04/28.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: